LWF aktuell 155
Blütenduft und Heilkraft - die Linde ist Heilpflanze des Jahres 2025
von Olaf Schmidt
Die Linde wurde vom naturheilkundlichen Verein Theophrastus zur Heilpflanze des Jahres 2025 gewählt. In Mitteleuropa sind zwei Lindenarten heimisch: die Winterlinde (Tilia cordata) und die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) . Beide Lindenarten wurden bereits als »Baum des Jahres« ausgezeichnet – die Sommerlinde im Jahr 1991 und die Winterlinde 2016.
Sommer- und Winterlinde gehören zur Familie der Malvengewächse und besitzen herzförmige Blätter mit gesägten Blatträndern und wechselständiger Anordnung am Zweig. Die Merkmale zur Unterscheidung der Arten zeigt Abbildung 1. Beide Linden besitzen eine gut zersetzliche Streu mit einem günstigen C/N-Verhältnis und gelten daher als humus- und bodenpflegliche Baumarten. Auch das Holz beider Lindenarten besitzt sehr ähnliche Eigenschaften: es ist hell, zerstreutporig, leicht, schlicht, weich und lässt sich gut bearbeiten. Daher ist und war Lindenholz im Schnitz- und Bildhauerhandwerk sowie zum Drechseln beliebt. Es wird aber auch als Blindholz für Möbel, für Zeichenbretter, Bleistifte und Spielwaren verwendet.
Abb. 1: Merkmale zur Unterscheidung von Winter- und Sommerlinde:
| Merkmal | Winterlinde (Tilia cordata) | Sommerlinde (Tilia platyphyllos) |
|---|---|---|
| Blätter | ø 5–6 cm Unterseite graugrün, kahl Achselbärte bräunlich | ø 7–12 cm Unterseite hellgrün, behaart Achselbärte weißlich |
| Blüten | 3-11 pro Blütenstand | 2-5 pro Blütenstand |
| Blütezeit | Juni/Juli 1–2 Wochen nach Sommerlinde | Juni 1–2 Wochen vor Winterlinde |
| Früchte | 5–8 mm, dünnschalig, weich | 8-10 mm, hartschalig, kantig |
| Winterzweige | Sprossachse und Knospen kahl | Sprossachsenspitze und meist auch Knospen behaart |
Standortansprüche und Vorkommen in Bayern
Zoombild vorhanden
Abb. 2a: Verbreitung von Winterlinde (© Caudullo et al.)
Zoombild vorhanden
Abb. 2b: Verbreitung von Sommerlinde (© Caudullo et al.)
Mensch und Linde – eine lange Beziehung
Linden können sehr alt werden – angeblich bis 1.000 Jahre. Als Dorf-, Gerichts-, Friedens- und Hoflinden begleiten sie den Menschen und seine Gesellschaften schon lange. Eine Besonderheit sind die in Franken und Südthüringen noch vorhandenen Tanzlinden. Bekannt ist hier z. B. die Tanzlinde in Limmersdorf, wo heute noch zur »Lindenkerwa« in der Krone der Linde getanzt wird oder die Effeltricher Linde. In Deutschland führen über 1.100 Orte ihren Namen auf die Linde zurück. Während die Eiche das Harte, Dauerhafte, Kämpferische und Männliche verkörperte, wurde die Linde mit Wärme, Geborgenheit, Familie und Weiblichkeit gleichgesetzt. Die Dorf-, Hof- und Gerichtslinden in Dörfern, Städten und in der Flur sind meistens Sommerlinden.
Linden und ihre Tierwelt
An den beiden in Mitteleuropa heimischen Lindenarten konnten über 200 phytophage Insekten- und Milbenarten nachgewiesen werden. Die artenreichsten Tiergruppen sind dabei Großschmetterlinge (77 Arten), Kleinschmetterlinge (26 Arten) und Käfer (52 Arten). Typische Arten an Linden sind z. B. der Lindenschwärmer (Abbildung 3), die Linden-Gelbeule und der Linden-Prachtkäfer. Häufig findet man v. a. im Frühjahr unter Linden große Ansammlungen der auffällig schwarz-rot gefärbten Feuerwanzen. Seit dem Jahr 2004 kommen in Deutschland auch zwei neue Insektenarten an Linden vor: die aus Ostasien stammende Linden-Miniermotte (Phyllonorycter issikii) (Abbildung 4) und die mediterrane Malven- oder Lindenwanze (Oxycarenus lavateraea). Die Lindenwanzen sammeln sich vor der Überwinterung auf Stark-Ästen und an den Stämmen in oft riesigen Kolonien (Abbildung 5). Ökonomische oder ökologische Schäden sind bisher von beiden Arten nicht bekannt.
Beliebt bei Bienen und Imkern
Zoombild vorhanden
Abb. 6: Reiche Blüte der Sommerlinde (© P. Schmidt)
Silberlinde – besser als ihr Ruf
Die in Südosteuropa verbreitete Silberlinde (Tilia tomentosa) wird hierzulande v. a. in urbanen Gebieten gepflanzt und könnte mit fortschreitendem Klimawandel auch in heimischen Wäldern an Bedeutung gewinnen. Über Jahre hinweg wurde ihre Pflanzung jedoch abgelehnt, weil ihr Nektar als giftig für Bienen und Hummeln galt. Forschungen belegen inzwischen, dass nicht der Nektar, sondern Nahrungsmangel die Ursache für tote Insekten unter Silberlinden ist.
Die Silberlinden blühen später im Jahr als Sommer- und Winterlinde zu einer Zeit, wo in unserer Natur und v. a. in Städten nur wenig blühende Pflanzen vorhanden sind. Daher werden Bienen und Hummeln so stark von den blühenden Silberlinden angelockt. Nun sind aber die Blüten der Silberlinde nicht endlos mit Nektar gefüllt und bei großem Andrang sehr rasch leer. Die Bienen, Hummeln usw. taumeln kraftlos zu Boden und verhungern dort. Um das Nahrungsangebot für Insekten zu verbessern und den Nahrungszeitraum zu verlängern, erscheint es daher sinnvoll, insbesondere in Städten wieder vermehrt Silberlinden anzupflanzen.
Die Heilwirkung der Linde
Hinsichtlich ihrer pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffe ähneln sich die heimischen Lindenarten sehr und können beide als Heilpflanze des Jahres betrachtet werden. Mit der Wahl der Linde zur Heilpflanze des Jahres soll v. a. an die Heilwirkung der Lindenblüten erinnert werden (Abbildung 6). Diese werden hauptsächlich als Tee genutzt. Ihre Hauptinhaltsstoffe sind Flavonoide, Schleime und ätherisches Öl. Früher wurde Lindenblütentee als klassischer Schwitztee bei grippalen Infekten und Husten angewendet.
Zusammenfassung
Bislang spielten beide heimischen Lindenarten im Waldbau eine eher untergeordnete Rolle. Mit der Klimaerwärmung wird die Bedeutung der Linden, auch der südeuropäischen Silberlinde, in unseren Wäldern und im urbanen Grün künftig steigen. Lindenarten sind an steigende Temperaturen gut angepasst und gelten als robuste Baumarten für den Klimawandel. Mit leicht zersetzlicher Streu und ihrer Schattenverträglichkeit in der Jugend können sie zum Aufbau zukunftsfähiger Mischwälder beitragen und helfen, die Artenvielfalt in unseren Wäldern zu steigern. Forstleute, Waldbesitzende und Naturfreunde sollten daher auch die Lindenarten in unseren Wäldern fördern.
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Autor
- Olaf Schmidt

