LWF aktuell 155
Forstgeschichte im Spiegel des Bauernkriegs
von Joachim Hamberger

Anlässlich des 500. Jubiläums der »Zwölf Artikel« von 1525 widmete sich die Sommertagung des Arbeitskreises »Forstgeschichte in Bayern« in Memmingen den Zusammenhängen von Waldnutzung, Jagdregimen und sozialen Konflikten des Bauernkriegs. Rund 70 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis diskutierten in Fachvorträgen und einer Exkursion Aspekte spätmittelalterlicher Ressourcennutzung, rechtliche Rahmenbedingungen und Memmingens besondere Rolle. Die Tagung zeigte, dass forstgeschichtliche Fragen weit über Ressourcengeschichte hinausreichen und eng mit Sozial-, Rechts- und Kulturgeschichte verbunden sind.

Es sind zwölf Personen zu sehen, die nebeneinander aufgereiht stehen und in die Kamera lächelnZoombild vorhanden

Abb. 1: Moderatoren und Vortragende der Tagung in Memmingen (v.l.n.r): M. Schaller, S. Honold, M. Müller, J. Seger, H. Habel, J. Miller, D. Hutterer, K. Pukall, S. Gampe, C. Engelhard, R. Heydenreuter, J. Hamberger (© Wolfgang Weiß)

Seit Beginn der 1990er Jahre widmet sich der Arbeitskreis »Forstgeschichte in Bayern« am Zentrum Wald-Forst-Holz Weihenstephan der historischen Erforschung von Wald und Forst. Hier begegnen sich forstlich interessierte Historiker und Historikerinnen sowie geschichtsaffine Fachkräfte aus Forstwirtschaft, Bildung, Kulturwissenschaft und Geografie. Die regelmäßig stattfindenden Tagungen des Arbeitskreises haben sich zu einem etablierten Forum für interdisziplinären Austausch und wissenschaftliche Diskussionen entwickelt.

Die diesjährige Sommertagung führte rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Memmingen – aus Anlass des 500. Gedenkjahres der »Zwölf Artikel« von 1525, die als erste Grundrechtsforderung in deutscher Sprache in die Geschichte eingegangen sind. Durch die Veranstaltung führten Dr. Markus Schaller, Geschäftsführer des Zentrums Wald-Forst-Holz, und der Arbeitskreisvorsitzende Dr. Joachim Hamberger, Leiter des Bayerischen Amtes für Waldgenetik.

Konfliktfeld Wald: Nutzung, Recht und soziale Spannungen

Den Auftakt zur sehr gut besuchten Tagung gestaltete Staatsminister a. D. Josef Miller, der die Schirmherrschaft übernommen hatte. In seinem Grußwort betonte er die zentrale Rolle des Waldes in der spätmittelalterlichen Gesellschaft: »Der Wald war Lebensraum, Wirtschaftsgrundlage, Energieträger – aber auch Konfliktzone.« Holznutzung und Jagdregime, so Miller, seien nicht nur ökonomische Fragen gewesen, sondern hätten auch als Mitauslöser der bäuerlichen Empörung gewirkt. »Die Geschichte des Bauernkriegs ist auch eine Geschichte um den Zugang zu Wald, Land, Nahrung und Energie.« Miller stellte damit die Verbindung zwischen forstlicher Ressourcennutzung und sozialem Protest her – ein Spannungsfeld, das in den folgenden Fachbeiträgen vertieft wurde.

Im Mittelpunkt der Tagung standen Aspekte der Waldnutzung im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Besonders interessant ist, dass die in Memmingen verfassten Zwölf Artikel in zwei Passagen den Zugang der Menschen zur Schöpfung und damit die Nutzung der natürlichen Ressourcen thematisieren: Wer hat das Recht auf Jagd? Wer darf wie viel Holz nutzen? Wem gehört die Allmende? Diese Fragen waren im 16. Jahrhundert ebenso drängend wie in späteren Jahrhunderten, in denen es immer wieder zu Konflikten um forstliche Ressourcen kam. Die historische Analyse solcher Fragen verweist auch auf die Bedeutung nachhaltiger Ressourcennutzung als gesellschaftlicher Leitgedanke. Dabei geht es ums Gemeinwohl, die Begrenzung von Macht und um gerechte Verteilung der Lebensgrundlagen. Themen, die heute immer noch ganz aktuell sind.

Zwei Männer schauen sich Bilder an der Wand an und im Hintergrund sind zwei weitere Personen.Zoombild vorhanden

Abb. 2: Auch Forststudierende nahmen an der Tagung in Memmingen teil, hier in der Ausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte (© LWF)

In zehn Fachvorträgen wurden unterschiedliche Perspektiven vorgestellt: Juristische Auseinandersetzungen zwischen Obrigkeit und Bauern, forst- und jagdhistorische Ursachen des Aufstands sowie die Analyse von zeitgenössischen Beschwerden der Bauern. Die Referate verdeutlichten, dass Nutzungskonflikte in Wald und Flur oft die Keimzelle größerer gesellschaftlicher Spannungen bildeten. Besonders die Auswertung der »Gravamina«, das sind zeitgenössische Beschwerden der Bauern, zeigt, wie stark sich soziale, ökonomische und ökologische Fragen im Konfliktfeld Wald verdichteten (Dr. Markus Müller). Ein Streiflicht richtete den Blick sogar bis ins 20. Jahrhundert, als die Jagdgesetzgebung des Nationalsozialismus ebenfalls tief in Nutzungsrechte eingriff (Dr. Hubertus Habel).

Memmingen als Erinnerungsort

Besondere Aufmerksamkeit galt der Reichsstadt Memmingen, die im Jahr 1525 als Schauplatz zentraler Ereignisse hervortrat. Stadtarchivar Christoph Engelhard rekonstruierte die politischen und sozialen Verflechtungen dieser Zeit. Dr. Stephan Gampe präsentierte den Waldbericht des Memminger Hofmeisters Michael Schwegelin von 1575 und machte so die Holznot (heute spräche man von Energiekrise) in den Gemeinwäldern der Region anschaulich. Dr. Reinhard Heydenreuter widmete sich dem Memminger Juristen Noe Meurer, dessen grundlegendes Werk aus dem 16. Jahrhundert zum Wald- und Jagdrecht in Deutschland einzigartig ist und lange als Quellenbasis für Forstordnungen und Praxisempfehlungen in der Hausväter-
Literatur diente. Eine umfassende Neu-Edition und systematische Kommentierung wäre wünschenswert; vielleicht einmal eine Aufgabe für den Arbeitskreis Forstgeschichte.

Ein öffentlicher Abendvortrag rundete das Programm ab: Prof. Lyndal Roper (Universität Oxford), Bestsellerautorin und international anerkannte Expertin für Reformation und Bauernkrieg, sprach über die unterschiedlichen Facetten des Aufstands von 1525 und dessen Auswirkungen auf Memmingen. Am folgenden Tag lud Stadtförster Stefan Honold die Teilnehmenden zu einer Exkursion in den historischen Wald der Dreikönigs­kapellenstiftung bei Lauben ein, wodurch die theoretischen Diskussionen einen anschaulichen praktischen Bezug erhielten. Die Exkursion verdeutlichte, wie historische Nutzungsformen bis heute in Waldstrukturen und Besitzverhältnissen nachwirken.

Eintrag ins Goldene Buch Memmingens

Es seitlich ein Raum voller Menschen zu sehen, die auf Stühlen sitzen und einem Vortrag zuhörenZoombild vorhanden

Abb. 3: Unter den Portraits der Memminger Oberbürgermeister versammelten sich rund 70 forsthistorisch Interessierte im prächtigen Rathaus der Stadt (© Joachim Hamberger)

Ein besonderer Höhepunkt war die Einladung der Vertreter des Arbeitskreises Forstgeschichte, sich in das Goldene Buch der Stadt Memmingen einzutragen. Bürgermeister Jan Rothenbacher zeigte sich begeistert von der Tagung und hob auch die Bedeutung der städtischen Wälder für das Selbstverständnis der Stadt hervor. Bemerkenswert: Unmittelbar vor dem Arbeitskreis hatten sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die ehemalige Bundestagspräsidentin Claudia Roth eingetragen – ein Zeichen der hohen Wertschätzung, die Memmingen im Jahr 2025 erfährt.

Die Teilnahme von Forstpraktikern aus Schwaben, sowohl aus den unteren Forstbehörden der Verwaltung als auch aus den Bayerischen Staatsforsten (BaySF), unterstrich den Brückenschlag zwischen Forschung und Praxis. Damit wurde deutlich, dass forstgeschichtliche Fragen nicht nur wissenschaftlich, sondern auch für die forstliche Berufswelt von Bedeutung sind.

Memmingen steht 2025 besonders im Fokus der Öffentlichkeit: Zum einen als Erinnerungsort an die »Zwölf Artikel« und den Bauernkrieg, zum anderen auch als »Ort der Demokratie« im bundesweiten Gedenkjahr. Damit wird die Stadt als Wiege von Freiheits- und Grundrechtsforderungen gewürdigt – ein Erbe das regionalhistorisch aber auch bundesweit von Bedeutung ist.

Die Tagung zeigte eindrucksvoll, dass forstgeschichtliche Fragen weit über die reine Waldnutzung hinausreichen. Sie verknüpfen Sozial-, Rechts- und Kulturgeschichte und eröffnen neue Perspektiven auf historische Umbrüche wie den Bauernkrieg. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die historische Auseinandersetzung mit Waldnutzung enge Bezüge zu aktuellen Diskussionen über Nachhaltigkeit und Ressourcenkonflikte hat.

Es ist geplant, die Vorträge in den Forstlichen Forschungsberichten zu veröffentlichen.

Zusammenfassung

Der Arbeitskreis »Forstgeschichte in Bayern« am Zentrum Wald-Forst-Holz Weihenstephan widmet sich der historischen Erforschung von Wald und Forst. Die diesjährige Sommertagung fand in Memmingen statt. Anlass war das 500jährige Jubiläum der sogenannten »Zwölf Artikel« von 1525 - bekannt als erste Grundrechtsforderung in deutscher Sprache. Der Geschäftsführer des Zentrums Dr. Markus Schaller und der Leiter des AWG, Dr. Joachim Hamberger, moderierten die Veranstaltung. Im Fokus der Tagung stand der Wald als Konfliktfeld zwischen Nutzung, Recht und sozialen Spannungen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft.

Begleitend zur Tagung entstand ein Kurzfilm über den Arbeitskreis Forstgeschichte sowie sein Wirken und ein weiterer Film über den Bauernkrieg aus forstlicher Sicht. Beide Filme sind ab Herbst 2025 auf der Seite des Zentrums Wald-Forst-Holz zu sehen.

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Autor

  • Joachim Hamberger