LWF aktuell 155
Langfristige Stoffeinträge mit Folgen
von Laura Wachtveitl, Ulrich Stetter, Stephan Raspe
35 Jahre Waldklimastationen
Anlässlich des 35-jährigen Bestehens der Waldklimastationen wollen wir einen Einblick in das forstliche Umweltmonitoring in Bayern geben. In insgesamt drei Beiträgen beleuchten wir die bayerischen Waldklimastationen genauer. Im ersten Beitrag haben wir Ihnen einen Überblick über die praktische Forschung an den Stationen und die Herausforderungen des Messprogramms von seinen Ursprüngen bis heute gegeben. In diesem Beitrag erfahren Sie mehr zu den Folgen langfristiger Stoffeinträge und ihrer Wirkung auf die Nährstoffversorgung unserer Wälder.
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Abb. 1: Schwefeleinträge mit dem Bestandesniederschlag an den bayerischen Waldklimastationen im Mittel der Jahre 1998-2002 (linker Balken) und 2019-2023 (rechter Balken) (© LWF)
Verteilung der Schwefeleinträge in Bayern
An den Waldklimastationen (WKS) messen wir den Eintrag von Schwefel ins Ökosystem mithilfe von Depositionssammlern. Diese fangen das Wasser, das sonst durch die Kronen auf den Waldboden trifft, in etwa einem Meter Höhe auf. Das Wasser wird wöchentlich beprobt und in unserem Labor in Freising analysiert. Mithilfe der Niederschlagsmengen und der festgestellten Konzentrationen werden die eingetragenen Mengen verschiedener Inhaltsstoffe ermittelt.
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Abb 2: Beprobung des Bestandesniederschlags (© Tobias Haase, StMELF)
Durch die ergriffenen Maßnahmen zur Luftreinhaltung sind Schwefeleinträge von diesem Ausmaß heute zum Glück Geschichte. In Bayern haben durch die Rauchgas- und Brennstoffentschwefelung die Schwefeleinträge an allen Stationen deutlich abgenommen (Abbildung 1). So lagen die eingetragenen Schwefelfrachten im Jahr 2023 an allen Bayerischen WKS unter 3 kg pro Hektar. Das entspricht in etwa dem Durchschnitt in Deutschland (Kranenburg et al. 2024; Umweltbundesamt 2024).
Das Sickerwasser im Blick
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Abb. 3: Saugkerzenkiste mit den Sammelflaschen an der WKS Freising (© Tobias Hase, StMELF)
Schwefelrückgang im Boden
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Abb. 4: Schwefelein- und austräge an der WKS Flossenbürg seit 1996. Einträge im Bestandesniederschlag (grün) im Vergleich zu den Austrägen mit dem Sickerwasser in einer Tiefe von 120 cm (braun). Die Punkte zeigen die Jahresmittelwerte, die Linie den Trend (Potenzmodell mit log-log-Regression) (© LWF)
Die Schwefeldeposition hängt von den anthropogenen Schwefelemissionen ab, die seit Ende der 1980er Jahre durch die Luftreinhaltemaßnahmen stark reduziert wurden. Daher sehen wir bis zur Jahrtausendwende zunächst einen stärkeren Rückgang, der dann allmählich abflacht, sodass die Einträge heute nur noch um die 3 kg pro Hektar und Jahr liegen. Auch in der Bodenlösung sehen wir diese Abnahme, wenn auch etwas schwächer. Dieser Verlauf lässt sich durch das Verhalten von Schwefel im Boden gut erklären: Er kommt dort fast ausschließlich als Sulfat vor, das aufgrund der starken Bindung nur langsam ausgewaschen wird. Entsprechend verläuft der Rückgang in der Bodenlösung deutlich verzögert. Dass der Schwefelaustrag den Eintrag um ein Vielfaches in der Menge übersteigt, liegt an der Mineralisierung von langfristig gespeicherten Vorräten in der organischen Bodensubstanz (Feger 1993). Dort ist vielerorts noch ein großer Vorrat an Schwefel vorhanden, der stetig gelöst und ausgetragen wird. Doch was bedeutet der konstante Rückgang des Schwefels für die Bäume?
Schwefelernährung in Flossenbürg
Antworten auf diese Frage kann ein weiterer Programmteil des forstlichen Umweltmonitorings liefern: Die Waldernährung. Jedes Jahr werden an den WKS von ausgewählten Bäumen Blatt- und Nadelproben entnommen und deren Nährelementgehalte im Labor gemessen. Dadurch können Aussagen über den Belastungs- und Ernährungszustand der Bäume auf dem jeweiligen Standort getroffen werden.
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Abb. 5: Fichtennadeln geben Aufschluss über die Schwefelernährung des Waldbestandes (© Michael Friedel)
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Abb. 6: Schwefelgehalte in Fichtennadeln (1. Jahrgang) an der WKS Flossenbürg (© LWF)
Sorgenkind Stickstoff
Mit der Genfer Luftreinhaltekonvention hatte man seinerzeit nicht nur eine Reduktion von Schwefeleinträgen vereinbart, sondern insbesondere auch die hohen Stickstoffemissionen in den Blick genommen. Wie Schwefel ist auch Stickstoff ein Hauptnährelement für Pflanzen, doch auch hier liegen Freud und Leid nah beieinander. Waldökosysteme sind von Natur aus stickstofflimitiert und mit der früheren Übernutzung der Wälder wurde er vielerorts sogar zum Mangelelement. Erst die hohen Stickstoffeinträge des letzten Jahrhunderts haben von einem Mangel zu einem Überschuss geführt und das Waldwachstum in den vergangenen Jahrzehnten mit angekurbelt (Pretzsch et al. 2014).
Doch zu viel Stickstoff kann auch sehr negative Auswirkungen haben. Diese sind im Wesentlichen:
- Bodenversauerung (Feger 1993)
- Auswaschung von Nitrat, auch zusammen mit anderen Nährstoffen (Borken und Matzner 2004)
- Verschiebung von Konkurrenzverhältnissen, v. a. auf nährstoffarmen Standorten (Braun et al. 2012)
- Ausgasung von Lachgas (Butterbach-Bahl et al. 2002)
- Geringere Frost- und Trockenheitsresistenz von Pflanzen (Braun et al. 2012; Smidt)
- Geringeres Wurzelwachstum im Vergleich zum Spross (Jochheim et al. 1995; Dorn et al. 2003; Smidt)
Seit Messbeginn an den ersten bayerischen Waldklimastationen zeigt auch der Stickstoffeintrag im Mittel aller WKS eine abnehmende Tendenz von 15,5 kg (1998–2002) auf 10,4 kg (2019–2023) und damit eine Reduktion um ca. 33 %. Verglichen mit der Entwicklung der Schwefeleinträge wird allerdings ein Niveauunterschied deutlich: Beim Schwefel sind wir in derselben Periode im Mittel über alle Stationen bei 1,8 kg pro Jahr und Hektar angekommen; dies entspricht einem Rückgang um ca. 74 %. In der Konsequenz werden die kritischen Belastungsgrenzen (= Critical Loads vgl. Raspe et al. 2013) beim Stickstoff auch heute noch an 50 % unserer WKS überschritten. Negative Auswirkungen auf unsere Waldökosysteme, wie sie oben aufgelistet sind, können daher nicht ausgeschlossen werden. Eine Folge ist dabei häufig Gegenstand öffentlicher Diskussionen, weil sie Auswirkungen auf uns Menschen hat: Der potenzielle Austrag von Nitrat ins Grundwasser.
Entwicklung der Nitratausträge im Wald
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Abb. 7: Bestandesmessfläche in Flossenbürg mit Bestandesniederschlagsrinne im Vordergrund und Depositionssammlern im Hintergrund (© Uwe Blum, LWF)
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Abb. 8: Nitratkonzentration im Sickerwasseraustrag seit Beginn der Messungen an den jeweiligen Stationen (Einzelwerte). Der horizontale Strich im Boxplot zeigt den Median, der rote Punkt den Mittelwert der Station. (© LWF)
Ausblick
35 Jahre des forstlichen Umweltmonitorings haben uns viele Erkenntnisse gebracht, nicht nur hinsichtlich der Stoffeinträge und deren Folgen. Dennoch ergeben sich auch zukünftig Fragen, die es zu beantworten gilt: Laufen wir wirklich in einen nachweisbaren Schwefelmangel für die Bäume hinein? Verschlimmert sich die Situation beim Stickstoff für unsere Wälder, sodass sie auf Dauer vielleicht keine Stickstoffsenke mehr darstellen? Ergeben sich aus möglichen Nährstoffungleichgewichten in der Zukunft Wachstumseinschränkungen? Und wie spielt das Ganze mit dem Klimawandel zusammen? Zum nächsten Jubiläum des forstlichen Umweltmonitorings können wir vielleicht schon einige dieser Fragen beantworten.
Zusammenfassung
Bayerns Wälder filtern zahlreiche Stoffe aus der Luft und tragen so zur Luftreinhaltung bei – für Bäume können diese Einträge je nach Intensität und Dauer Freud und Leid zugleich bedeuten. Seit den 1990er Jahren ist die Schwefeldeposition dank der Luftreinhaltemaßnahmen auch in ehemals hoch belasteten Regionen in Bayern stark gesunken. In der Bodenlösung gehen die Mengen ebenfalls zurück, allerdings langsamer als der Eintrag. Auch die Stickstoffeinträge wurden in den letzten Jahrzehnten reduziert, jedoch weniger stark als der Schwefel. Dadurch bestehen die Risiken von Sättigung und stickstoffbedingter Versauerung weiter. Doch die gute Nachricht: Trotz anhaltend hoher Stoffeinträge und zunehmender Kalamitäten erfüllen unsere Wälder in Bayern auch weiterhin ihren Beitrag zur Daseinsvorsorge – zum Trinkwasserschutz.
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Weiterführende Informationen
Autoren
Im forstlichen Umweltmonitoring betreut Laura Wachtveitl die Messprogramme »Deposition und Bodenlösung«, Ulrich Stetter den Bereich Waldernährung. Dr. Stephan Raspe leitet das Programm in Bayern. Alle Autoren gehören der Abteilung »Boden, Klima, Baumartenwahl« der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft an.
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