LWF aktuell 156
Aus der Luft erkannt: Präzise Schaderfassung in Laubwäldern
von Johannes Jurgovsky, Christoph Straub, Rudolf Seitz

Technische Fortschritte in der Fernerkundung liefern immer detailliertere Daten der Erdoberfläche. Dies kann auch die Erfassung und Dokumentation von Schäden im Wald verbessern. Zudem eröffnen KI-Algorithmen neue Möglichkeiten für die automatisierte Auswertung dieser Daten. Aktuell untersucht die LWF im Forschungsprojekt »AirLaserSpec« einen innovativen Ansatz zur Erfassung von Laubholzschäden, bei dem 3D-Lasermessungen mit Multispektralaufnahmen kombiniert werden.

Eine abgestorbene Buchen-Oberkrone, rechts und links die grünen Kronen der Nachbarbäume.Zoombild vorhanden

Abb. 1a: Typische Schäden an Buchenkronen im Projektgebiet Ebrach (© J. Jurgovsky)

Seit 2019 wurden in Buchenbeständen in Nordbayern deutliche Schäden beobachtet, was auf die massive Trockenheit der vorangegangenen Jahre zurückgeführt wird. Festgestellt wurden ein vorzeitiger Laubabfall, vertrocknete Kronenteile und absterbende Bäume. Obwohl die Wasserversorgung für das Jahr 2024 vergleichsweise besser war, wird vermutet, dass die trockenen und heißen Sommer der zurückliegenden Jahre vermutlich auch weiterhin einen Einfluss auf die Vitalität der Bäume haben (Heym et al. 2025). Um diese Phänomene auf großer Fläche erfassen und analysieren zu können, werden im Forschungsprojekt AirLaserSpec der LWF moderne Fernerkundungstechniken getestet. Falls die Erprobung erfolgreich verläuft, könnten so Geodaten mit der exakten räumlichen Lage der Schadflächen sowie Hinweise zum regionalen Schadensausmaß geliefert werden.
Buche mit einer vollständig entlaubten KroneZoombild vorhanden

Abb. 1b: Typische Schäden an Buchenkronen im Projektgebiet Ebrach (© J. Jurgovsky)

Für die Untersuchungen wurden die Gebiete Waldbrunn (im Forstbetrieb Arnstein, 45 km²) und Ebrach (im Forstbetrieb Ebrach, 50 km²) mit einem hohen Buchenanteil von ca. 50 % und unterschiedlich stark ausgeprägten Kronenschäden ausgewählt. Abbildung 1 zeigt beispielhaft eine fast vollständig entlaubte Buchenkrone sowie eine Buche mit einer abgestorbenen Oberkrone. Diese typischen Schadmerkmale wurden bei Feldaufnahmen am 16. September 2023 fotografiert.

Fernerkundung zur Erfassung geschädigter Buchen

Laubholzschäden können mittels Fernerkundung zum einen über spektrale Reflexionsunterschiede zwischen geschädigten und vitalen Kronen identifiziert werden und zum anderen über Veränderungen in der Höhenstruktur der betroffenen Baumkronen. Im Forschungsprojekt »AirLaserSpec« werden Luftbilder einer Multispektralkamera mit Lasermessungen kombiniert, um zusätzlich zu den Stereo-Luftbilddaten simultan präzise Höhenmessungen zu erhalten. Vor der weiteren Verarbeitung wurden zunächst aus den Stereo-Bildern sowohl Echtfarben- als auch Color-Infrarot-Orthophotos mit einer sehr hohen räumlichen Auflösung von 0,1 m berechnet (Abbildungen 2a und 2b).

Die derzeit genaueste fernerkundliche Technik zur Höhenmessung ist die Laserscanermessung, welche häufig auch als LiDAR (Light Detection and Ranging) Technologie bezeichnet wird. Ein LiDARSystem sendet Laserlichtpulse aus und misst die Laufzeit der reflektierten Signale, um daraus die Entfernung zu berechnen. Wird diese Technik in einem Flugzeug eingebaut, können damit präzise 3D-Punktwolken der beflogenen Landschaft gewonnen werden. Bei den Befliegungen für AirLaserSpec wurden im Mittel ca. 40 Laserpunkte pro m² gemessen. Auf Grundlage einer solchen Punktwolke können mit geeigneten Algorithmen sowohl hochaufgelöste Oberflächenmodelle inklusive Vegetation und Bebauung als auch Geländemodelle des Bodens unterhalb der Vegetation berechnet werden (Abbildungen 2c und 2d).

Vier Fotos: Echtfarben-Orthophoto, Color-Infrarot-Orthophoto, Digitales Oberflächenmodell, Digitales Geländemodell

Abb. 2: Eine Flugzeugbefliegung mit Multispektralkamera und Laserscanner liefert neben hochaufgelösten Bildinformationen auch präzise Höhendaten. Dargestellt ist ein Ausschnitt der Untersuchungsfläche Waldbrunn (© LWF).

Wie funktioniert die automatisierte Datenauswertung?

Wald, der zu ca. einem Drittel aus roten vertrockneten Baumkronen besteht.Zoombild vorhanden

Abb. 3: Trockenschänden in unterfränkischen Laubwäldern (© S. Thierfelder, AELF Schweinfurth)

Um zukünftig große Datenmengen effizient auswerten zu können, wird in AirLaserSpec der Einsatz von Verfahren aus dem Bereich des maschinellen Lernens, insbesondere Deep Learning, getestet. Hierzu müssen die Fernerkundungsdaten zunächst für die Auswertung vorbereitet und Trainingsdaten erstellt werden. Auf Grundlage der Trainingsdaten soll das computergestützte Verfahren lernen, wie die Spektralinformation der Luftbilder oder die Verteilung der Lasermesspunkte im Raum mit der Zielgröße (hier: verfärbte und entlaubte Baumkronen) zusammenhängen. Je umfassender die Variation von Kronenschäden in Form von Trainingsbeispielen erfasst werden kann, umso mehr geschädigte Kronen können anschließend von einem Modell auch korrekt erkannt werden. Dazu wurden die Bilddaten von mehreren Luftbildinterpreten am Bildschirm analysiert. Zur Unterstützung und Erleichterung der visuellen Interpretation wurde zu Beginn eine Anleitung mit zahlreichen Bildbeispielen erarbeitet. Mit spezieller Hard- und Software wurden die Luftbilder zusätzlich stereoskopisch bzw. dreidimensional betrachtet. Im Vergleich zur reinen 2D Analyse im GIS, können geschädigte Bäume am 3D-Monitor noch zuverlässiger erkannt werden. Insgesamt konnten so 10.007 geschädigte Laubholzkronen optisch erfasst und im GIS digitalisiert werden.

Unterschiede in der Bildinterpretation

Es zeigte sich, dass die visuelle Beurteilung, ob ein Bildbereich gerade noch oder eben nicht mehr als geschädigt eingestuft wird, immer wieder eine Herausforderung darstellt. Der Übergang zwischen diesen beiden Kategorien erscheint oftmals fließend. Dadurch ist die Schadflächenerfassung unterschiedlicher Luftbildinterpreten in der Regel nicht deckungsgleich. Um diese Unschärfe in den Trainingsdaten zu quantifizieren, wurde eine kleine Testfläche mit einer Größe von 3,4 ha ausgewählt. In dieser Testfläche digitalisierten vier Luftbildinterpreten unabhängig voneinander die geschädigten Kronenbereiche (Abbildung 4, links). Als Kennzahl zur Bewertung der Übereinstimmung der resultierenden Trainingspolygone wurde die sogenannte Intersection over Union (IoU) berechnet. Eine Erklärung zur Berechnung und Beurteilung der IoU findet sich in der Infobox. Im Mittel zeigten die manuell abgegrenzten Schadflächen der vier Interpreten eine IoU von 0,55. Die größten Abweichungen wurden vor allem an den Randbereichen der Polygone festgestellt, was auch in der Veröffentlichung von Joshi & Witharana (2025) beschrieben wird.

Durch Farbflecken wurden Laubholzschäden (in Vogelperspektive) im Bestand eingezeichnet.

Abb 4a: Dargestellt ist eine Testfläche aus dem Projektgebiet Ebrach. Vier Luftbildinterpreten haben hier geschädigte Laubholzkronen auf der Grundlage der Orthophotos abgegrenzt. Deutlich erkennbar sind die Abweichungen in den Ergebnissen, insbesondere im Randbereich der Polygone (© LWF)

Durch Farbflecken wurden Laubholzschäden (in Vogelperspektive) im Bestand klassifiziert.

Abb. 4b: Klassifizierungsergebnis des Deep Learning Verfahrens U-Net für dieselbe Testfläche. Das U-Net wurde hier auf die originären Orthophotos mit einer räumlichen Auflösung von 0,1 m × 0,1 m angewendet (© LWF)

Die Legende beschreibt die Schadbedeutung der Farben und die Nummer des Luftinterpreten.

Legende zu Abb. 4 (© LWF)

Infobox: Intersection over Union
Die IoU misst wie gut die Flächen von zwei verschiedenen Datensätzen übereinstimmen (Abbildung 4). Ein hoher IoU-Wert (näher an 1) bedeutet, dass die Übereinstimmung sehr gut ist, während ein niedriger Wert (näher an 0) bedeutet, dass die Übereinstimmung eher schlecht ist.

Automatisierte Klassifikation geschädigter Laubholzkronen

KlassifikationsverfahrenPixelgröße der verwendeten Color-Infrarot OrthophotosÜbereinstimmung zwischen automatisierter und manueller Klassifizierung: Intersection over Union (IoU)
U-Net1 m × 1 m0.534 ± 0.073
U-Net0,1 m × 0,1 m0.606 ± 0.092

Abb. 5: Ergebnisse des automatisierten Klassifizierungsverfahrens zur Erfassung geschädigter Laubholzkronen (© LWF)

Mit den oben beschriebenen Trainingsdaten wurde das etablierte Klassifikationsverfahren U-Net (Ronneberger et al., 2015) aus der Gruppe der Deep Learning Verfahren trainiert und validiert (Abbildung 5). U-Net ist ein vergleichsweise einfaches Deep Learning-Verfahren. Es findet jedoch seit Jahren breite Anwendung in der fernerkundlichen Klassifikation und liefert trotz seiner einfachen Struktur zuverlässig gute Ergebnisse. Als Eingangsdaten in die Klassifikation dienten die Color-Infrarot-Orthophotos von dem Projektgebiet Ebrach. Um den Einfluss der räumlichen Auflösung der Eingangsdaten auf das Klassifikationsergebnis zu prüfen, wurde für das U-Net-Verfahren sowohl eine reduzierte Auflösung von 1 m x 1 m Pixelgröße als auch die originäre Auflösung der Bilddaten von 0,1 m x 0,1 m erprobt. Als Kennzahl zur Bewertung der Übereinstimmung zwischen automatisierter Klassifizierung und manueller Referenz wurde wieder die Intersection over Union berechnet.

Basierend auf den originären Orthophotos mit 0,1 m x 0,1 m Auflösung erzielte das U-Net Verfahren einen IoU-Wert von 0,606. Dies entspricht ungefähr der Übereinstimmung, welche die vier Luftbild­interpreten im Mittel auf der Testfläche erzielten. Selbst bei reduzierter Auflösung erreicht das U-Net-Verfahren noch einen guten IoU-Wert von 0.534. Zukünftige
LiDAR-basierte Auswerteverfahren müssen sich an dieser Genauigkeit messen lassen, da ihre maximale Auflösung wegen der Punktdichte der Lasermessungen ebenfalls auf 1 m x 1 m begrenzt sein wird (siehe Fortführung und Anwendungspotenzial). Abbildung 4, rechts zeigt die Anwendung dieses U-Net-Modells auf die Testfläche aus dem Projektgebiet Ebrach. Neben U-Net bietet die Gruppe der Deep Learning-Verfahren eine Vielzahl weiterer Ansätze, die zwar in gleicher Weise auf die Fragestellung anwendbar sind, jedoch eine wesentlich komplexere und damit rechenintensivere Struktur aufweisen. Da all diese Verfahren die Abgrenzung von Kronentotholz aus Trainingsdaten erlernen, können solche Verfahren auch nur diejenige mittlere Genauigkeit erreichen, die von Luftbildinterpreten im Mittel vorgegeben wird. Die Beobachtung, dass selbst das vergleichsweise einfache U-Net der Klassifikationsgenauigkeit von Luftbildinterpreten nahekommt, deutet darauf hin, dass die Erkennungsgenauigkeit nicht durch das verwendete Verfahren limitiert ist. Vielmehr entscheidet die eindeutige Abgrenzbarkeit der betrachteten Klassen und die Qualität der Trainingsdaten darüber, welche maximale Genauigkeit erzielt werden kann.

Fortführung und Anwendungspotenzial

Ein Luftbild eines Waldes plus ein vergrößerter Ausschnitt davon mit markierten Schadbäumen Zoombild vorhanden

Abb. 6: Automatisch detektiertes Kronentotholz im Projektgebiet. Jeder rote Punkt markiert einen Baum, der automatisiert als geschädigt erkannt wurde (© LWF)

In bisherigen Auswertungen wurde Kronentotholz auf Grundlage der Spektralinformationen in Bilddaten automatisiert klassifiziert. Zusätzlich wurden Hinweise auf die maximal möglichen Erkennungsgenauigkeiten gesammelt. Ein Alleinstellungsmerkmal des Projektes AirLaserSpec ist die Verfügbarkeit von Lasermessungen, die auf der gesamten Projektfläche zeitgleich mit den Bilddaten aufgezeichnet wurden. Die ausgesendeten Laserpulse werden auf ihrem Weg durch eine Baumkrone von Hindernissen reflektiert und liefern so Informationen über die Geometrie der Krone. Da die Laserpulse das Blätterdach dichter, vitaler Laubbäume kaum durchdringen können, häufen sich die ersten Reflexionen an der Vegetationsoberfläche. Kaum Hindernisse gibt es dagegen bei entlaubten Kronen. Im Ergebnis verteilen sich die ersten Reflexionen deshalb gleichmäßiger über den gesamten Kronenraum. Die Anordnung der Lasermessungen im Raum kann somit wertvolle Hinweise zur Trennung von belaubten und entlaubten Baumkronen liefern. In einem nächsten Schritt soll geprüft werden, wie die Spektraldaten mit den Lasermessungen kombiniert werden können und ob die Kombination beider Datengrundlagen die Kronentotholzerkennung verbessert.
Mit einem automatisierten Verfahren zur Schadklassifikation könnten große Waldflächen in kürzester Zeit analysiert und bewertet werden. Das Ergebnis der Analyse könnte anschließend beispielsweise in Form einer Schädigungskarte über ein Geoinformationssystem wie BayWIS an die Forstpraktiker ausgespielt werden. Eine notwendige Voraussetzung für die Akzeptanz derartiger digitaler Produkte ist jedoch ihre Zuverlässigkeit. Nur so kann das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in die digitale Erfassung gestärkt werden. Im konkreten Fall bedeutet das: Auch über unterschiedlichste Waldflächen hinweg müssen die automatisiert vorgenommenen Klassifikationen plausibel sein und eine hohe, vorhersehbare Qualität aufweisen. In der Realität stammen Luftbilddaten zu größeren Waldgebieten jedoch aus unterschiedlichen Befliegungen. Da ein automatisiertes Verfahren stets auf einer bestimmten Datengrundlage trainiert wird, können bei der Übertragung auf andere Waldgebiete erhebliche, vor allem aber unvorhersehbare Genauigkeitsverluste auftreten. Das Projekt AirLaserSpec prüft deshalb auch, wie gut sich die verwendeten Verfahren auf andere Waldgebiete übertragen lassen.

Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt AirLaserSpec der LWF befasst sich mit inno­vativen Techniken und der Erfassung von Schäden an Laubholz sowie der Analyse von Bewuchs in Bestandeslücken. Dafür wurden Flugzeugbefliegungen mit Laserscanning-Technologie und Multispektralkamera in zwei ausgewählten Gebieten in Nordbayern durchgeführt. Derzeit entwickelt die LWF automatisierte Auswerteverfahren, die auf maschinellem Lernen basieren. Für das Training der Algorithmen wurden insgesamt über 10.000 geschädigte Laubholzkronen manuell von mehreren Luftbildinterpreten digitalisiert. Die bisher besten Ergebnisse in der Klassifikationsgenauigkeit wurden mithilfe eines etablierten U-Net-Verfahrens erzielt, das auf Color-Infrarot-Bilddaten basiert. In zukünftigen Arbeiten wird die zusätzliche Nutzung der Lasermessungen zur Schaderfassung untersucht und die Übertragbarkeit der entwickelten Modelle auf verschiedene Datensätze geprüft. Ziel des Projektes ist es, präzise Informationen über Schäden in Laubholzbeständen für die Forstpraxis zu liefern.

Projekt
Das Projekt »AirLaserSpec« wird vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus (StMELF) finanziert (Laufzeit: 01.10.2023–30.11.2027).

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Weiterführende Informationen

Autoren

  • Dr. Johannes Jurgovsky
  • Dr. Christoph Straub
  • Rudolf Seitz