Forschungs- und Innovationsprojekt
Wechselwirkungen zwischen Erholungsnutzung und Ökosystemen im Böhmerwald

Zwei Spaziergänger gehen auf einem Waldweg spazieren, zwei Radfahrer holen von hinten aufZoombild vorhanden

Zwei Fahrradfahrer überholen zwei Spaziergänger auf einem Waldweg © Tobias Hase, StMELF

Im Ökosystem des Böhmerwalds nimmt die Erholungsnutzung seit Jahren stetig zu. Grenzübergreifend halten sich immer mehr Menschen in Wildtierlebensräumen auf und nutzen diese vielfältiger und intensiver. Die beiden Nationalparks Šumava und die Region rund um den Dreisessel verzeichnen gemeinsam fast 4 Millionen Besucher pro Jahr.

Soziale Medien und Outdoor-Apps spielen dabei eine zunehmend wichtige Rolle. Digitale Tourenplanung und neue Trends im Outdoorsport, etwa E-Biking, erweitern den Aktionsradius der Besucher und verändern ihr Verhalten. In einigen Bereichen nehmen Aktivitäten abseits der ausgeschilderten Wege zu oder finden in den Nacht- und Dämmerungszeiten statt.

Diese Entwicklungen können das Verhalten freilebender Wildtiere nachhaltig verändern, Stress auslösen und so Ökosysteme beeinflussen - beispielsweise über vermehrten Fraß.

Ziel des Projekts

Das Projekt entwickelt eine grenzüberschreitende Strategie für einen verantwortungsvollen Umgang mit Wildtieren und dem Ökosystem.

Diese Strategie berücksichtigt gleichzeitig berechtigte menschliche Nutzungsinteressen. Voraussetzung dafür ist eine fundierte Datengrundlage. Dafür erheben und bündeln die Projektpartner systematisch Daten zur Raumnutzung von Wildtieren und zur Intensität der Erholungsnutzung. Zudem untersuchen sie den Einfluss zentraler Lebensraumfaktoren sowie die Reaktionen von Wildtieren auf unterschiedliche Formen und Intensitäten der Erholungsnutzung.

Darüber hinaus setzen die Projektpartner konkrete Umweltschutz-Maßnahmen um: Sie fördern dadurch die biologische Vielfalt und enwickeln darüberhinaus digitale Ansätze der Besucherlenkung und Besuchersensibilisierung.

Methoden

In einem multiskalierten Ansatz erfassen und analysieren die Forschenden die Wechselwirkungen zwischen Erholungsnutzung, Wildtieren und dem Ökosystem.

Um die räumlichen und zeitlichen Nutzungsmuster der Erholungssuchenden besser zu verstehen, werten sie Daten aus verschiedenen Quellen aus, etwaZählungen und Nutzungsdaten von Outdoor-Apps. Zusätzlich erfassen sie die Motivation und Einstellungen von Erholungssuchenden gegenüber Wildtieren durch Befragungen.

Auf dieser Grundlage analysieren sie die Auswirkungen der Freizeitaktivitäten auf Wildtiere und Ökosysteme. Mögliche Einflüsse auf das Raum-Zeit-Verhalten der Wildtiere untersuchen sie mithilfe von Fotofallen, Akustik-Monitoring und Telemetrie.

Besonders im Fokus stehen der Rothirsch (Cervus elaphus) als Schlüsselart für Management und das Auerhuhn (Tetrao urogallus) als ökologische Zeigerart. Bei beiden Arten analysieren die Forschenden die Stressbelastung, beim Rothirsch zusätzlich die Nahrung (siehe Infobox).

All diese Erkenntnisse fließen zusammen und bilden die Grundlage für flächendeckende Karten zur Beeinflussung von Wildtieren und Ökosystemen durch menschliche Nutzung. Darauf aufbauend setzen die Projektpartner verschiedene Maßnahmen zur Besuchersensibilisierung und Besucherlenkung um. Dazu gehören ein digitaler Besucherlehrpfad, Informationsmaterial sowie die Ansprache der Bevölkerung über Pressearbeit und soziale Medien.

Vorstellung der Zieltierarten

Im Projekt untersuchen die Forschenden zwei Arten genauer, die auf unterschiedliche Weise besonders repräsentativ für das Ökosystem sind.

Rothirsch nach dem Stangenabwurf läuft über grüne WieseZoombild vorhanden

@ H.-J.Fuenfstueck www.5erls-naturfotos.de

Rothirsch (Cervus elaphus):
Der Rothirsch ist die dominanteste Huftierart im Böhmerwald. Aufgrund seines Einflusses auf die Waldvegetation dient er in diesem Projekt als Modellart für das Ökosystemmanagement.
Die Forschenden untersuchen, ob sich durch die Erholungsnutzung die Verbissbelastung der Waldverjüngung erhöht. Dies könnte langfristige Auswirkungen auf die Waldentwicklung haben. Dafür statten sie Hirsche mit Telemetriesendern aus und sammeln Losungsproben. Laboranalysen dieser Proben zeigen sowohl die Nahrungszusammensetzung als auch die Stressbelastung der Rothirsche.
Die direkte Reaktion auf Erholungssuchende wird mit Verhaltensexperimenten untersucht. Die Forschenden nähern sich dabei gezielt den telemetrierten Tieren und erfassen deren Reaktionen.
großer schwarz-brauner Vogel mit breitem Schwanz vor zwei braun-grauen Vögeln auf einer LichtungZoombild vorhanden

Ein Auerhahn und zwei Hennen auf einer Lichtung @ PantherMedia / PetrSimon

Auerhuhn (Tetrao urogallus):
Das Auerhuhn stellt hohe Ansprüche an seinen Lebensraum und gilt daher als Zeigerart für intakte Waldökosysteme. Es bevorzugt ungestörte, lichte und strukturreiche (Nadel-)Wälder mit dichter Bodenvegetation, die Deckung und Nahrung bietet.
Auch beim Auerhuhn analysieren die Forschenden die Stressbelastung mithilfe von Losungsproben. Zusätzlich setzen sie im Projektgebiet konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensraums dieser Art um.

Projektpartner

Partner vor Ort sind der Forstbetrieb Neureichenau (Bayerische Staatsforsten AöR), die beiden Nationalparks Šumava und Bayerischer Wald sowie die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) als Leadpartner. Das Projektgebiet umfasst Teilflächen aller Projektpartner.

Zu sehen sind die Logos der Projektpartner: Sumava national park, Bayerischer Wald und BaySF

Projektinformationen
Projektleitung: Dr. Wibke Peters
Projektbearbeitung: Maresa Zierer, Dr. Frederik Franke
Kooperationspartner: Nationalpark Bayerischer Wald, Nationalpark Šumava, Fortbetrieb Neureichenau (Bayerische Staatsforsten AöR)

Laufzeit: Januar 2026 bis Dezember 2028
Finanzierung: INTERREG Bayern - Tschechien 2021-2027

Logo des Interreg Bayern - Tschechien Kofinanziert von der Europäischen Union