LWF aktuell 157
Eichenwald: Gestresst – und dennoch artenreich
von Markus Blaschke, Anna-Katharina Zech
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Abb. 1: Der Zweipunktige Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus) trat auch in den fränkischen Naturwaldreservaten an einigen Eichen auf (© S. Huber, AELF Passau)
In Teilen des Steigerwalds aber auch in den nördlich angrenzenden Haßbergen und auf den Ausläufern der Frankenhöhe zeigen sich seit den vergangenen Trockenjahren vermehrt absterbende Eichen. Ein LWF-Forschungsprojekt verfolgte das Ziel, das Ausmaß der Eichenschäden aber auch Schäden anderer Baumarten in fünf Naturwaldreservaten intensiver zu beobachten. Gleichzeitig wurden die Artengemeinschaften der xylobionten Käfer in Verbindung mit den Absterbeprozessen untersucht.
Die Trockenjahre von 2018 bis 2023 führten in vielen Wäldern Frankens zu einem bislang noch nicht beobachteten Absterben von Eichen – betroffen waren auch Eichenbestände in mehreren Naturwaldreservaten (NWR). In dem Forschungsprojekt (ST399) »Analyse der Käfergemeinschaften im Zusammenhang mit absterbenden Eichen in Naturwaldreservaten Frankens« wurden in fünf Reservaten (Abbildung 2) das Ausmaß der Schäden, die Artenzusammensetzung der Käfer und naturschutzfachlich bedeutsame Habitate genauer untersucht. Diese erstrecken sich vom NWR Nesselsee in den Haßbergen über die beiden NWR Böhlgrund und Zwerchstück im nördlichen Steigerwald, dem NWR Wolfsee im südlchen Steigerwald bis zum NWR Heilige Hallen (Abbildung 3) an den Ausläufern der Frankenhöhe.
Abb. 2: Übersicht der untersuchten Eichen-Naturwaldreservate
| Naturwaldreservat | Größe [ha] | Meereshöhe [m ü. NHN] | Baumartenzusammensetzung (gesamtes NWR nach Inventur) |
|---|---|---|---|
| 7 Heilige Hallen | 20,9 | 350–420 | Eiche 65 %, Buche 16 %, Hainbuche 11 % |
| 12 Wolfsee | 76,5 | 320–360 | Eiche 44 %, Hainbuche 28 %, Winterlinde 12 % |
| 118 Nesselsee | 52,5 | 370–455 | Eiche 51 %, Buche 17 %, Fichte 11 % |
| 152 Zwerchstück | 28,4 | 320–350 | Eiche 47 %, Buche 22%, Hainbuche 20 % |
| 165 Böhlgrund | 179,5 | 270–420 | Buche 48 %, Eiche 14 %, Kiefer 9 % |
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Abb. 3: Eichenbestand im Naturwaldreservat Heilige Hallen an den Ausläufern der Frankenhöhe (© M. Blaschke, LWF)
| Geologie | Wuchsgebiet |
|---|---|
| Schilfsandstein und Lehrbergschichten des Gipskeupers am Unterhang, Blasensandstein des Sandsteinkeupers am Oberhang | Frankenhöhe |
| Myophorienschichten und Schilfsandstein des Gipskeupers | Südliche Fränkische Platte |
| Mittlerer Buntsandstein des Sandsteinkeupers | Haßberge |
| Estherienschiefer und Myophorienschichten des Gipskeupers | Steigerwald |
| Lehrbergschichten, Schilfsandstein, Estherienschiefer und Myophorienschichten des Gipskeupers | Steigerwald |
Die Eichen-Naturwaldreservate zeigen ein differnziertes Bild
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Abb. 4: Durchschnittliche lebende Vorräte in Vfm/ha auf den jeweils 15 Probeflächen der untersuchten Naturwaldreservate im Frühjahr 2024 (© LWF)
Im Rahmen einer Kronenansprache der stehenden Eichen wurde im Sommer 2024 der Anteil abgestorbener Bäume ermittelt. Mit 20 % verzeichnete das NWR Wolfsee den höchsten Anteil toter Eichen. Etwas geringere Werte zeigten die beiden NWR Heilige Hallen und Nesselsee mit rund 15 % abgestorbener Eichen sowie das NWR Zwerchstück mit knapp 10 %. Hier konzentrierten sich die toten Eichen auf einer langgestreckten Kuppe.
Um die Zusammenhänge zwischen dem Absterben der Eichen und der Artenzusammensetzung der Käfer auf den Untersuchungsflächen besser einwerten zu können, wurden von der Fachstelle für Waldnaturschutz am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bamberg auch zahlreiche Biotopbäume erfasst. Darunter vier Großhöhlen, 21 Kleinhöhlen, 69 Bäume mit Kronentotholz und 14 Bäume mit großen Faulstellen. Die überwiegende Zahl an Biotopbäumen geht auch in diesen Naturwaldreservaten auf die Ausbildung von Spaltenquartieren zurück, die vielen Arten – insbesondere auch einigen Fledermausarten – als Rückzugsraum dienen können.
Hoher Anteil an Totholz bei Hainbuche und Buche
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Abb. 5: Mittelwerte der Totholzvorräte an stehendem und liegendem Totholz in m3/ha auf den jeweils 15 Probeflächen der untersuchten Naturwaldreservate 2024 (© LWF)
Vielfältige Artengemeinschaften der Käfer
Über alle fünf Naturwaldreservate konnten insgesamt 556 Käferarten nachgewiesen werden. Mit 402 Arten stellen die typischen waldgebundenen Käfer die Mehrzahl aller erfassten Käferarten. Nur vereinzelt traten Arten auf, die sonst eher im Offenland anzufinden sind oder auch Feuchtbiotope bevorzugen. Im Fall der NWR Wolfsee und Heilige Hallen grenzten Feuchtiotope unmittelbar an das jeweilige Reservat an (Abbildung 6).
Abb. 6: Artenzahlen der Käferarten pro Lebensraumtyp
| Lebensraum | 7 Heilige Hallen | 12 Wolfsee | 118 Nesselsee | 152 Zwerchstück | 165 Böhlgrund | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Ohne Angabe | 1 | 0 | 1 | 0 | 1 | 1 |
| Eurytope Arten | 52 | 40 | 33 | 51 | 32 | 95 |
| Feuchtbiotope | 7 | 5 | 1 | 2 | 4 | 14 |
| Offenland | 19 | 20 | 5 | 22 | 9 | 44 |
| Wald | 236 | 209 | 183 | 193 | 203 | 402 |
| Gesamt | 315 | 274 | 223 | 268 | 249 | 556 |
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Abb. 7: Mächtige Alteichen und ein Unterstand aus Hainbuche prägen große Teile des NWR Heilige Hallen (© M. Blaschke, LWF)
Unter den xylobionten Käfern finden sich 115 Arten, die ihre Larvenentwicklung zum überwiegenden Teil im Holzkörper selbst durchmachen. Die zweite große Gruppe sind Rindenbesiedler mit 86 Arten. Die weiteren Arten verteilen sich auf Mulmbesiedler (45 Arten), Nestbesiedler in Höhlungen (14), Besiedler von Pilzfruchtkörpern am Totholz (53) und Arten an Harz- oder Saftaustritten (Exsudaten) der Bäume (4). Unter all diesen Arten fanden sich auch verschiedene Prachtkäfer – im NWR Nesselsee insbesondere auch eine größere Anzahl des Zweipunkt-Eichenprachtkäfers (Agrilus biguttatus) (Abbildung 8a, b).
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Abb. 8a: Zweipunktiger Eichenprachtkäfer aus dem Naturwaldreservat Nesselsee. Das Ausbohrloch ist D-förmig (M. Blaschke, G. Lobinger, LWF)
Weitere waldökologisch bedeutsame Arten sind die Urwaldreliktarten nach Eckelt et al. (2017). Hier war der Plattnasen-Holzrüssler (Gasterocercus depressirostris) mit 13 Individuen in den NWR Heilige Hallen, Nesselsee und Böhlgrund nachzuweisen. Der Käfer scheint von dem deutlich erhöhten Totholzangebot, vielleicht auch von den durch die Trockenjahre geschwächten Eichen zu profitieren.
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Abb. 8b: Zweipunktiger Eichenprachtkäfer aus dem Naturwaldreservat Nesselsee (M. Blaschke, G. Lobinger, LWF)
Da zwischen den Käfergemeinschaften und den Eichenschäden kein klarer Zusammenhang bestand, wurde auch eine Kartierung von Pilzfruchtkörpern in drei der untersuchten Naturwaldreservate angeschlossen. Diese zeigte, dass insbesondere im NWR Zwerchstück die Gattung Hallimasch (Armillaria sp.) sehr weit verbreitet ist. Aber auch in den beiden anderen Naturwaldreservaten offenbarten sich Hinweise auf eine Beteiligung dieser Pilzgattung an geschädigten Eichen. Die Gattung Hallimasch ist insbesondere nach Trockenjahren in Verbindung mit massiven Kambiumschäden bekannt (Lobinger et al 2005).
Eichenschäden zeigen eine komplexe Ausprägung
Die Untersuchungen der fünf fränkischen Eichen-Naturwaldreservate auf Grundlage von Totholzaufnahmen und vorhandenen Bestandeserhebungen zeigen, dass das Ausmaß der Eichenschäden in den Beständen von Einzelbäumen bis zu gruppenweisen Ausfällen reicht. Von den 75 untersuchten Probeflächen wiesen etwa drei bis fünf Flächen eine Störung auf, die als erheblich anzusprechen ist und somit zu größeren Verlichtungen im Bestand führte. Das Ausmaß der Schäden scheint somit in den Reservaten über die Jahre unterschiedlich ausgeprägt gewesen zu sein. Zudem entstand der Eindruck, dass die Schäden 2024 rückläufig waren.
Die Vielfalt an Käferarten in den fünf Reservaten und insbesondere auch der xylobionten Käfer belegt, dass es sich nicht um eine monotone Artengemeinschaft von wenigen mit dem Schaden in Verbindung stehenden Arten handelt. Vielmehr wurde durch die Erfassung der Käfer das hohe naturschutzfachliche Potenzial, das in den Waldgesellschaften der dort etablierten Eichenwälder zu erwarten war, aufgezeigt.
Die Untersuchungen liefern kein eineutiges Bild, das auf eine einzelne Schadursache schließen lässt. Vielmehr deutet die Vielzahl an Rinden- und Holzbesiedlern auf ein komplexes System von Schadursachen hin, an dem auch Prachtkäferarten der Gattung Agrilus beteiligt sind. Der Umstand, dass auf den Flächen auch Begleitbaumarten wie Hainbuche und teils Buche massiv von der Mortalität betroffen sind, deutet darauf hin, dass in erster Linie die lange Trockenperiode – die zweifelsohne durch den Klimawandel verstärkt wurde – als Ursache für die Schäden anzunehmen ist.
Die auftretenden Eichenschäden werden begleitet von einer großen Anzahl an Käferarten. Unter dem derzeitigen Schadausmaß lassen sich noch keine negativen Auswirkungen auf die Artdiversität der beobachteten Käfer beobachten. Hinzu kommt der Aspekt, dass auf Teilflächen auch Einflüsse von Pilzen deutlich werden, die in der gesamten Schadsymptomatik nicht unerwähnt bleiben sollten. Somit dürfte die Gesamtsituation als durch Trockenheit ausgelöste Komplexschädigung anzusprechen sein.
Abb. 9a: Sägebock (Prionus coriarius) gehört zu den erfassten Käferarten in den untersuchten unterfränkischen Naturwaldreservaten (© M. Blaschke, LWF)
Zusammenfassung
Nachdem auch in Naturwaldreservaten mit Eichenbeteiligung vermehrte Absterbeerscheinungen beobachtet wurden, führte die LWF im Frühjahr 2024 in fünf Naturwaldreservaten Frankens Untersuchungen zur Waldstruktur und eine Erfassung von Käfern durch. Noch zeigen die untersuchten Eichen-Naturwaldreservate Vorräte von 472 bis 653 Vfm/ha. Die Schäden reichen vom Ausfall von Einzelbäumen bis hin zu ganzen Gruppen. Im Sommer waren 10 bis 20 % der Eichen abgestorben, ebenso zahlreiche Hainbuchen und Buchen aus dem Zwischenstand. Insgesamt konnten 317 xylobionte Käferarten bestätigt werden. Darunter befinden sich 115 Arten deren Larven sich im Holzkörper, und 86 Arten, deren Larven sich in der Rinde entwickeln – beispielsweise die Prachtkäfer. Die nachgewiesenen Käferarten zeigen auf der einen Seite ein hohes naturschutzfachliches Potenzial, aber auch, dass die Schäden als komplexes System zu betrachten sind. Der Klimawandel mit seinen ausgeprägten Trockenjahren schwächt einerseits die Eichen. Andererseits begünstigt er verschiedene Käferarten – darunter auch Prachtkäferarten – sowie Holzpilzarten wie den Hallimasch, die die Eichen zusätzlich schädigen können.
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Weiterführende Informationen
Autoren
- Markus Blaschke
- Anna-Katharina Zech

