LWF aktuell 156
Hochwertiges, genetisch vielfältiges Weißtannensaatgut aus Rumänien
von Muhidin Šeho, Maria Teodosiu, Barbara Fussi
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Abb. 1: Phylogenetische Gruppen und Rückwanderungswege der Weißtanne (© Neophytou 2015)
Die Weißtanne ist eine heimische Nadelbaumart und Mischbaumart in vielen Waldgesellschaften. Im Zuge des Klimawandels gewinnt die Weißtanne zunehmend an Bedeutung und wird auf geeigneten Standorten als Alternative für die Fichte diskutiert (George et al. 2018, Schmied et al. 2023, Coşgun et al. 2025). Entscheidend für den Anbauerfolg und die Stabilisierung der Waldbestände ist die Verwendung von geeigneten und standortgerechten Herkünften.
Die Weißtanne hat ein großes natürliches Verbreitungsgebiet in Europa und konnte nach der letzten Eiszeit viele Standorte erfolgreich besiedeln. Daneben erfolgte vielerorts eine Einbringung durch den Menschen. Ein wichtiges Refugium während der Eiszeit war der Balkan (Abbildung 1). Aus diesem erfolgte die Wiederbesiedlung der Dinarischen Alpen und der Karpaten. Die bayerische Weißtanne ist nach der letzten Eiszeit aus den mittelitalienischen Refugialgebieten über den Ostalpen-Weg nach Bayern zurückgewandert (Abbildung 1).
Bei ähnlichen Genstrukturen nimmt die genetische Diversität im Osten Bayerns von Süd nach Nord (Randgebiet der natürlichen Verbreitung) deutlich ab (Konnert und Schirmer 2011). Herkünfte aus Rumänien könnten als Ergänzung und zur Anreicherung des heimischen Genpools im Klimawandel für unterschiedliche Regionen Bayerns von Interesse sein. In den Herkunftsversuchen schneiden die rumänischen Herkünfte auf vielen Standorten überdurchschnittlich ab (Ruetz et al. 1998 und 2003). Die genetische Vielfalt und Diversität sind als vergleichsweise hoch einzustufen.
Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse wurden vier rumänische Samenplantagen bereits als klimaplastische Herkünfte empfohlen (Šeho et al. 2022). Vor allem in Gebieten, in denen die genetische Diversität gering ist (wie z. B. Thüringisch-Sächsisch-Nordostbayerische Mittelgebirge), sollte die Einbringung von genetisch vielfältigem Vermehrungsgut in Betracht gezogen werden (Abbildung 2).
Abb.2: Phylogenetische Herkunftsempfehlung für Weißtanne im Herkunftsgebiet (HKG) 06 (© LWF)
| Bisher bewährte Herkünfte | |||
| SP Lehmbach | Bayern | Register-Nr. 091 827 06 082 3 | qualifiziert |
| SP Hohenpeißenberg | Bayern | Register-Nr. 091 827 06 089 3 | qualifiziert |
| SP Laufen-Penesöd | Bayern | Register-Nr. 091 827 07 060 3 | qualifiziert |
| EB des HKG 827 07 | ausgewählt | ||
| EB des HKG 827 06 | ausgewählt | ||
| Klimaplastische Herkünfte | |||
| SP Vitzeroda | Thüringen | Register-Nr. 163 827 10 019 3 | qualifiziert |
| SP Poiana Neamtuli | Rumänien | PS-BR-SB79Avrig/Sibiu | qualifiziert |
| SP Garcina | Rumänien | PS-BR-NT81, Garcina/Neamt | qualifiziert |
| SP Carbunar | Rumänien | PS-BR-MM81 Baia Sprie/Maramures | qualifiziert |
| SP Vâlcele | Rumänien | PS-BR-CV82 Tălișoara | qualifiziert |
| EB des HKG 827 08 | ausgewählt | ||
| EB des HKG 827 10 | (nicht in spätfrostgefährdeten Lagen) | ausgewählt |
Europaweite Forschung und Kooperation für eine gesicherte Vermehrungsgutversorgung
Die Weißtanne spielt in ganz Rumänien und den rumänischen Karpaten eine wichtige Rolle und ist Gegenstand vieler wissenschaftlicher Untersuchungen. Neben der Erforschung natürlicher Bestände wird ein starker Fokus auf die Samenplantagen und Herkunftsversuche gelegt.
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Abb. 3: Lage der Weißtannen-Samenplantagen in Rumänien mit Angabe der verwendeten Provenienzen (© LWF)
groß und unterstehen den regionalen Forstbehörden.
Die Versorgung mit hochwertigem und herkunftsgesichertem Vermehrungsgut stellt in Zeiten des Klimawandels eine große Herausforderung dar. Dafür sind europaweite Kooperationen und Aktivitäten dringend notwendig. Die Herkunftssicherheit spielt eine große Rolle und kann mit Hilfe genetischer Marker erhöht werden. In diesem Zusammenhang wurde bereits 2023 eine Herkunftskontrolle mittels genetischer Marker am Beispiel rumänischer Weißtanne erfolgreich durchgeführt und eine hohe Übereinstimmung der Samenpartie mit den Genotypen der Samenplantage Avrig nachgewiesen (Šeho et al. 2023).
Im Rahmen der langjährigen Kooperation reisten zwei Wissenschaftler des AWG im April 2025 nach Rumänien um dort über die weitere Zusammenarbeit zwischen den beiden wissenschaftlichen Einrichtungen zu sprechen sowie die bereits in Bayern empfohlenen und weitere rumänische Samenplantagen der Weißtanne zu besichtigen. Dr. Maria Teodosiu, Wissenschaftlerin am National Institute for Research and Development in Forestry in Rumänien, hat die Bereisung organisiert und alle zuständigen Behörden eingebunden.
Bereisung rumänischer Samenplantagen
Zentrales Anliegen der Rumänien-Reise war es, die Bereitstellung von hochwertigem Saatgut in Deutschland zu optimieren. Insgesamt wurden sechs unterschiedliche Weißtannen-Samenplantagen begutachtet, die für die Saatgutversorgung in Deutschland und Bayern infrage kommen.
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Abb. 4: Vitaler Baum auf der Samenplantage Carbunar. Die gut gepflegte Samenplantage zeichnet sich durch vitale und kräftige Weißtannen aus (© M. Šeho)
Die Weißtannen-Samenplantage Siminecea (9, PS-BR SV82) im Landkreis Suceava ist 9,4 ha groß und wurde 1982 mit 35 Plusbäumen aus zwei Regionen begründet. Die Besonderheit dieser Samenplantage: sie befindet sich im Besitz von IKEA. Zurzeit werden keine Ernten durchgeführt. Bei Bedarf könnte jedoch die Zustimmung von IKEA für eine Beerntung eingeholt werden. Die Voraussetzung dafür ist gegeben und viele der Bäume haben bereits Zapfen angesetzt.
Die 1981 mit 40 Plusbäumen aus zwei Regionen begründete Samenplantage Garcina liegt im Landkreis Neamt. Eine genetische Analyse zeigte, dass sich unter den 680 Bäumen 46 unterschiedliche Genotypen befinden. Verglichen mit anderen Plantagen, zeichnet sich diese Samenplantage durch die höchste genetische Diversität aus (Teodosiu et al. 2019). Geerntet werden 200–300 Zapfen pro Baum. 800–1.000 kg Saatgut können in einem normalen Jahr gewonnen werden (max. 1.400 kg).
Die Samenplantage Vâlcele (PS-BR-CV82) im Landkries Tălișoara wurde 1981 mit 22 Klonen auf einer Fläche von 10 ha etabliert. Auf der Fläche befinden sich 2.225 Weißtannen, die 26 Genotypen angehören. Auf dieser Samenplantage wird das Saatgut im Online-Bieter-Verfahren versteigert. Die Ernte selbst erfolgt mit eigenen, lokalen Kräften. Das Saatgut wurde bei der letzten Versteigerung für 85 € pro kg verkauft. Im Jahr 2020 konnten 4.600 kg Saatgut gewonnen werden. In einem normalen Jahr sind es 700 kg gereinigtes Saatgut.
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Abb. 5: Die in Bayern am meisten genutzte Samenplantage Poiana Neamtuli (M. Šeho)
Die bekannteste und in Bayern schon seit vielen Jahren genutzte Samenplantage Poiana Neamtuli (PS-BR-SB79) – besser bekannt als SP Avrig – liegt im Landkreis Sibiu. Die Plantage stockt in den südlichen Karpaten auf 615 m ü. NN. Sie wurde 1979 auf einer Gesamtfläche von 5 ha begründet und beinhaltet 39 Klone, die mehrmals wiederholt und zufällig verteilt angepflanzt wurden.
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Abb. 6: Erntebäume auf der äußert gepflegten Samenplantage Vâlcele (© M. Šeho)
Weitere Zusammenarbeit und Forschungsbedarf
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Abb. 7: Frisch geerntete Zapfen der Weißtanne (© M. Šeho)
- Überprüfung der rumänischen Herkünfte aus dem internationalen Herkunftsversuch in Bayern
- Vollständige genetische Inventarisierung der Samenplantage Garcina
- Zusammenstellung der Genotypen der Samenplantagen Garcina und Carbunar für die Herkunftssicherung bei Saatgutankauf in Bayern
- Erarbeitung eines Konzepts zum Aufbau einer Samenplantage mit rumänischen Plusbäumen in Bayern (Ziel: 80 Klone, je 5 Rameten auf 3 ha)
Zusammenfassung
Die Weißtanne ist eine wichtige heimische Nadelbaumart mit einem großen natürlichen Verbreitungsgebiet in Europa. Die letzte Eiszeit hat sie in unterschiedlichen Refugien überdauert. Jetzt gilt es zu prüfen, ob in den Refugialgebieten genetisches Potenzial und klimaplastische Herkünfte vorhanden sind, die uns helfen können, labile Bestände zu stabilisieren. Die rumänische Weißtanne weist eine hohe genetische Diversität sowie eine überdurchschnittliche Wuchsleistung auf und wird von Praktikern bereits zur Anreicherung von Beständen genutzt. Das AWG forscht seit vielen Jahren zusammen mit rumänischen Kollegen zur Weißtanne. Im April 2025 erhielten Wissenschaftler des AWG die Gelegenheit, Samenplantagen der Weißtanne in Rumänien zu besichtigen und sich u. a. über den Erhalt und die Nutzung forstgenetischer Ressourcen der Weißtanne auszutauschen. Bayerische und rumänische Wissenschaftler waren sich einig, dass eine europaweite Zusammenarbeit dringend erforderlich ist und der Kooperationsvertrag erneuert wird.
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Weiterführende Informationen
Autoren
- Dr. Muhidin Šeho
- Dr. Barbara Fussi
- Dr. Maria Teodosiu

