29.09.2026
Auffällige Schäden durch Rindenbrüter an Küstentanne - Blickpunkt Waldschutz Nr. 10/2026
von Julia Landgrebe, Ludwig Straßer, Cornelia Triebenbacher, Felix Fisel und Tobias Frühbrodt

Blick von unten in Nadelbaumkronen, manche Bäume haben rote Nadeln und keine RindeZoombild vorhanden

Abb. 1: Rote Kronen und herabgefallene Rinde zeigen, dass die Tannenborkenkäfer hier bereits ausgeflogen sind. Bei den umstehenden Küstentannen weisen nur Harzfluss und einzelne rote Äste auf die erfolgreiche Besiedlung hin (C. Triebenbacher, LWF)

Seit der Hitzewelle im Juli erreichten die Abteilung Waldschutz vermehrt Meldungen über Stehendbefall durch Borkenkäfer an Küstentanne. Vereinzelt wurden vergleichbare Schäden auch an Weißtanne und Douglasie gemeldet. In den im Labor untersuchten Proben wurden vor allem Westlicher Tannenborkenkäfer (Pityokteines spinidens), Furchenflügeliger Fichtenborkenkäfer (Pityophthorus pityographus) sowie der Weißtannenrüsselkäfer (Pissodes piceae) gefunden.

Forstliche Bedeutung der Tannenborkenkäfer

Die Tannenborkenkäfer befallen bevorzugt Weißtannen, selten auch Fichten, Kiefern, Lärchen oder Douglasien. Als Sekundärschädlinge profitieren sie von der Schwächung der Bäume durch Trockenstress, Hitze, Sturm, Mistelbesatz, Befall mit Nadelpilzen sowie Tannenstamm- und Triebläusen. Unter warm-trockenen Bedingungen können sich in einem Jahr wie diesem zwei Generationen inklusive Geschwisterbruten entwickeln. Häufig wird ein Baum durch mehrere Tannenborkenkäferarten gleichzeitig befallen. Genau diese Situation ist in diesem Jahr an vielen Orten in Bayern zu beobachten!

Biologie der Tannenborkenkäfer

Nadelbaumkrone mit einem Zweig mit roten NadelnZoombild vorhanden

Abb. 2: Der Befall durch Tannenborkenkäfer zeigt sich oft zunächst nur an einzelnen roten Ästen. Nadelverfärbung kann aber auch andere Ursachen haben. Um einen Befall und dessen Schwere sicher zu diagnostizieren, sind daher Probefällungen und ein Blick unter die Rinde notwendig (T. Frühbrodt, LWF)

Die verschiedenen Borkenkäferarten an Tanne sind oft miteinander vergesellschaftet. Vor allem bei hohen Populationsdichten können einzelne von ihnen primär werden (d.h. auch vitalere Tannen befallen und zum Absterben bringen). Dazu zählen insbesondere der Krummzähnige Tannenborkenkäfer (Pityokteines curvidens) und seine nahen Verwandten wie der Westliche (Pityokteines spinidens) und der Mittlere Tannenborkenkäfer (Pityokteines vorontzowi), die häufig am Schadgeschehen beteiligt sind und auch stärkere Stammpartien befallen können. Im Nachgang zum Borkenkäferbefall kann auch der Tannenrüssler (Pissodes piceae) zu starken Schäden an Tannen diverser Altersklassen führen.

Weiterhin relevant ist der Kleine Tannenborkenkäfer (Cryphalus piceae), der in seinem Schadgeschehen dem Kupferstecher stark ähnelt. Er besiedelt vor allem dünnrindige Bereiche, also den Kronenraum von Alttannen sowie jüngere Bestände. Bei Massenvermehrung und ausreichend Brutraumangebot (Schlagabraum, Kronenmaterial) sind insbesondere Kulturen, Dickungen und Jungbestände von primärem Befall bedroht. Gleiches gilt für den Furchenflügeligen Fichtenborkenkäfer (Pityophthorus pityographus), der neben Fichte und Tanne vor allem an der Douglasie auffällig geworden ist.

Verdachtsbestätigung bei Tannenborkenkäfern

Baumstamm ohne Rinde mit Fraßgängen eines BrutbildsZoombild vorhanden

Abb. 3: Brutbilder des Krummzähnigen Tannenborkenkäfers. Wie auch der Westliche und mittlere Tannenborkenkäfer sind auch sie an stärkeren Stammabschnitten zu finden, während dünnere Abschnitte und Kulturen eher vom Kleinen Tannenborkenkäfer besiedelt werden (C. Triebenbacher, LWF)

Von Borkenkäfer befallene Tannen zeichnen anfangs wenig, sodass ein Befall meist erst spät in der Besiedlungsphase erkannt wird. Vor allem die kleinen Arten produzieren kaum Bohrmehl. Zudem sind die Ausbohrlöcher nur schwer zu erkennen. Der Blick unter die Rinde im Kronenbereich ist also unerlässlich. Gezielte Probefällungen helfen einen Käferverdacht zu bestätigen!

Befallskennzeichen bei Tannenborkenkäfern

  • Nadelrötung und Kronenverlichtung, zuerst an einzelnen Ästen in unteren Kronenpartien, später über die gesamte Krone
  • Achtung: Kronenverlichtung und -verfärbung können auch andere Ursachen haben. Um die ursächliche Beteiligung von Rindenbrütern sicherzustellen, sind ggf. Probefällungen notwendig, da gerade die kleineren Tannenborkenkäfer vorrangig – aber in massivem und relevantem Ausmaß – die Äste besiedeln und der Bohrmehlauswurf gering ist. Hier sollte nicht nur nach Harzfluss und Ausbohrlöchern gesucht werden, sondern besonders auch im Kronenraum an mehreren Stellen unter der Rinde nach Tannenborkenkäfern gesucht werden.
  • Starker Harzfluss entlang der Stammachse an äußerlich vital erscheinenden Tannen ab Ende September/Anfang Oktober, speziell im Bereich des Kronenansatzes mit glänzend frischen Harztropfen (perlschnurartig), da die Überwinterung von Jung- und Altkäfern in Überwinterungsbäumen erfolgt
  • Mäßig starker Harzfluss im März/April bzw. Juni/Juli aufgrund der Brutanlage
  • Spechtabschläge und Ablösung größerer Rindenpartien
  • Feines Bohrmehl hinter Rindenschuppen (weniger als bei Buchdruckerbefall), am Stammfuß und der Bodenvegetation nur bei hohen Besatzdichten deutlich erkennbar

Handlungsempfehlungen bei Tannenborkenkäfern

Der Brut- bzw. Brutraumentzug im Rahmen der »sauberen Waldwirtschaft« ist die effektivste Methode zur Vermeidung einer Massenvermehrung. Dennoch muss das Vorgehen bei der Tanne differenzierter abgewogen werden:
  • Ist der Befallsdruck durch Tannenborkenkäfer nicht hoch, sind keine gefährdeten Bestände im direkten Umkreis und die gewünschten Verjüngungsanteile noch nicht erreicht, sollten Alttannen wo immer möglich als Samenbäume erhalten werden.
  • Befall durch Tannenborkenkäfer ist schwerer zu erkennen, daher sind Probefällungen und eine genaue Diagnose unerlässlich. Sollten keine Tannenborkenkäfer am Schadgeschehen beteiligt sein, stehen waldbauliche Überlegungen im Vordergrund.

Wenn bei Probefällungen Befall durch Tannenborkenkäfer festgestellt wurde, gelten ähnliche Empfehlungen wie bei Borkenkäferbefall der Fichte:

  • Befallene Bäume umgehend entnehmen (Lagerung mindestens 500 m vom nächsten Nadelholzbestand).
  • Wintereinschlag bis spätestens Ende März abfahren.
  • Die Entrindung ist sinnvoll bei frischem Befall bis einschließlich Larvenstadium. Die Rinde kann dabei im Bestand belassen werden, da die Larven darin noch absterben.
  • Keine Entrindung nach der Verpuppung der Käfer! Die Verpuppung von Tannenborkenkäferarten und Weißtannenrüssler findet – mit Ausnahme des Kleinen Tannenborkenkäfers – im Splint statt. Die Käfer können sich auch am entrindeten Stamm fertig entwickeln!
  • Befallenes Restmaterial abfahren und ggf. verbrennen. Ein Verbrennen des Holzes im Bestand soll zur Vorbeugung von Waldbränden unterlassen werden.
    • Achtung beim Hacken von Resthölzern: Aufgrund der überwiegend sehr geringen Körpergröße dieser Borkenkäfer ist davon auszugehen, dass sie wie Kupferstecher den Hackvorgang in nennenswertem Umfang überleben. Ein Verblasen in den Bestand ist daher nicht möglich. Das Hackgut muss entweder abgefahren oder auf größeren Haufen gelagert werden, um durch die entstehende Wärme die restlichen Käfer abzutöten.
  • Befallskontrolle findet vergleichbar der Fichte an umstehenden Tannen, sowie Tannenkulturen statt (Kleine Tannenborkenkäfer). Auch jüngere Douglasienbestände sind durch den Furchenflügeligen Fichtenborkenkäfer gefährdet und sollten kontrolliert werden!

Hallimasch & Borkenkäfer - Hand in Hand

Wie bereits erwähnt, ist Borkenkäferbefall nicht immer die Hauptursache für eine starke Kronenverfärbung oder das Absterben eines Baumes. Insbesondere die Küstentanne, aber auch die Weißtanne, sind anfällig für Befall durch Hallimasch.
Hallimasch ist eine Gattung von Pilzen, die weit verbreitet im Boden vorkommt. Insbesondere Trockenstress kann die Abwehrkraft der Bäume schwächen und dadurch einen Befall durch Hallimasch begünstigen. Über die Wurzeln wächst der Pilz in den Baum ein und kann sowohl zu Stamm- und Wurzelfäule als auch zu einer Schädigung von Kambium und Phloem führen. Bei starkem Befall kann der Baum dadurch vollständig absterben.
Ein typisches Erkennungsmerkmal ist ein weißes, fächerförmiges Myzel unter der Rinde am Wurzelanlauf und an den Wurzeln. Ausgehend von einem befallenen Baum kann sich Hallimasch über Wurzelkontakte auf benachbarte Bäume ausbreiten. Daher sind Absterbeerscheinungen häufig in kleineren Gruppen zu beobachten.
Durch Hallimasch abgestorbene Bäume bieten zudem geeigneten Brutraum für Rindenbrüter. Daher sollten diese Bäume gründlich auf Befall durch Borkenkäfer kontrolliert werden und gegebenenfalls waldschutzwirksam aufgearbeitet werden.

Hinweise zur Anbaueignung der Küstentanne (vgl. Kölling 2011 in LWF Wissen 66 und BaSiS 2.0)

Die Baumart kommt ursprünglich aus dem Nordwesten der USA. Ihr Areal ist zweigeteilt in Küsten- und Inlandsvorkommen. Das Klima im Küstenareal ähnelt in gewisser Weise dem Klima in Bayern, sodass vor allem Saatgut aus dieser Region für den Anbau in Bayern ausgewählt wurde. Modellierungen zeigen aber, dass sich das Anbauareal mit zunehmendem Klimawandel (steigende Temperaturen, fehlende Niederschläge) in Bayern stark reduziert und die Küstentanne auf höhere und niederschlagsreiche Lagen „verdrängen“ wird. Die Küstentanne ist in ihrer Wärmetoleranz genauso schlecht eingestuft wie Moorbirke und unsere beiden heimischen Hochgebirgsspezialisten Lärche und Zirbelkiefer.
In Sachen Trockentoleranz wird sie um eine Stufe besser bewertet als die heimische Weißtanne und auf gleicher Stufe gesehen wie Berg- und Spitzahorn oder Hainbuche und Vogelkirsche.

Grafik zeigt zwei Bayernkarten mit Verlagerung möglicher Anbaugebiete der Küstentanne in verschiedenen Klimazeiträumen

Abbildung 4: Verlagerung möglicher Anbaugebiete der Küstentanne in verschiedenen Klimazeiträumen. (Kölling et al. (2011): Standörtliche Möglichkeiten für den Anbau der Tanne (Abies alba und Abies grandis) in Bayern. LWF Wissen 66, S. 11-19.)

Termine

INTERFORST 2026
15.–18. Oktober 2026 | Messe München | Halle B6, Stand 539

Besuchen Sie auf der Internationalen Leitmesse für Forstwirtschaft und Forsttechnik den Gemeinschaftsstand der Bayerischen Forstverwaltung, der Bayerischen Staatsforsten AöR, PEFC Bayern, des Bayerischen Waldbesitzerverbands und proHolz Bayern.

Unter dem Motto „Wir gestalten Zukunftswälder“ erwarten Sie drei Themeninseln:

• Arbeiten im Klimawald – Zukunft gestalten
• Rohstoff der Zukunft – Mehr Wert aus Holz
• Multitalent Wald – Leistungen nachhaltiger Forstwirtschaft

Erleben Sie außerdem an jedem Messetag mehrere Messe-Talks zu aktuellen Fragen rund um Wald, Forstwirtschaft und Holz. Ein besonderes Highlight ist der forstpolitische Eröffnungstalk mit Michaela Kaniber, Bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus, und Alois Rainer, Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, sowie Bernhard Breitsameter, Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes e. V.

Das vollständige Programm und alle Termine der Messe-Talks finden Sie im